
Interview mit dem Museumsleiter der Camera Obscura in Mülheim/Ruhr,
Dr. Tobias Kaufhold, am 26.07.2008
Herr Dr. Kaufhold, als erstes würde ich gerne von Ihnen wissen, welche Medien Sie persönlich den Tag über benutzen, um sich zu informieren oder zu zerstreuen.
Also, Radio ist nach wie vor für mich sehr wichtig, ich höre in der Regel morgens eine halbe Stunde Deutschlandfunk. Ich will dann auch keine Musik, sondern Sprache. Zeitung ist für mich sehr wichtig, ich lese regelmäßig die Frankfurter Allgemeine, ab und zu auch den Spiegel. Dann hier am Arbeitsplatz natürlich Computer, Internet – obwohl das auch immer auch sehr mit Abstrichen ist. Ich habe viele Dinge auch schon gegoogelt, die wissenschaftlich nicht so haltbar sind. Es ist ungefiltert, es wird sehr viel Mist publiziert.
Das erlebt man gerade auch während einer Diplomarbeit.
Sehr häufig. Auch das gute alte Buch ist für mich nicht nur ein sinnliches Vergnügen sondern auch eine Sache, die Hand und Fuß hat. Es gibt hier eine Sache zu unserem Thema von Ulrike Hick, eine Habilitationsarbeit, es macht einfach Spaß, darin zu lesen.
Die habe ich auch zu Hause.
Ja, die ist hervorragend. Das ist so, was mich am meisten interessiert. Ab und zu sehe ich abends fern, aber dann wirklich nur, um mich abzulenken.
Es ist interessant, dass Sie jetzt in erster Linie Medien nennen, die ohne Bilder funktionieren. Also Textmedien und Radio, die nicht versuchen ihre Inhalte über Bilder zu vermitteln.
Absolut, ich bin auch jetzt durch die Bilderwirklichkeit hier im Museum ein bisschen verwöhnt, weil das Niveau der Bilder hier im Museum sehr von dem abweicht, was uns im Alltag umkreist. Erst mal gibt es einen anderen Begriff von Geschwindigkeit, hier sind die Dinge einfach langsamer. Und auch vom Aufbau her und vom Niveau sind hier Bilder im Museum mit denen man sich ja eigentlich tagelang beschäftigen kann, und man ist eigentlich noch immer nicht am Ende. Die Bilder, die uns im Alltag zum Teil auch auf die Nerven gehen, das sind ja Bilder, die in wenigen Sekunden zu rezipieren sind, und die stören eigentlich eher, als das sie informieren. Es ist für mich auch ein schönes Phänomen, wenn man etwas spricht, was liest, dass eben die eigene Imagination dadurch angeregt wird. Man hat dann eigene Bilder im Kopf, man wird dann auch ein bisschen in Ruhe gelassen von dem optischen Müll, den man sonst so täglich sieht. Das Niveau scheint ja eigentlich immer schlechter zu werden, eine traurige Entwicklung.
Das folgende schließt eigentlich hier an und bezieht sich eher jetzt auf die Sammlung, und zwar ist das eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, während ich an meiner Arbeit sitze, die ich zwischendurch oder in Auszügen auch anderen Studenten zeige. Die Arbeit hat ja mit Stereoskopie zu tun, mit Guckkästen, mit Perspektivguckkästen vor allem. Ich merke immer wieder, bezogen jetzt auf die Stereoskopie und das Anaglyphenverfahren, dass das eine ganz eigene Faszination ausübt. Auch auf Menschen, die in unserem Medienzeitalter groß geworden sind, übt dieses Verfahren, das ja schon sehr alt ist und eigentlich auch sehr nachvollziehbar, einfach in seiner Herstellung und Funktion, immer noch einen ganz starken Reiz aus. Wie kann das sein, wo wir doch umgeben sind von technischen Medien, die viel komplizierter sind?
Ja, die haben eigentlich auch noch den handwerklichen Hintergrund. Man fühlt sich nicht so einfach auf den Arm genommen. Man sieht, glaube ich, auch eher die Technik die dahinter steht. Es hat natürlich immer auch einen gewissen Reiz, wenn Dinge älter sind, dann haben die auch was nostalgisches, also eine gewisses "wie früher", oder "früher war alles besser" und so, dass ist natürlich auch ein Aspekt, der manche Leute interessiert. Dann ist es auch eine Sache der Rezeptionsgeschwindigkeit, also man kann selbst bestimmen, wie lange man sich damit beschäftigen möchte. Das wird nicht so vorgegeben, eben auch ein wichtiger Aspekt. Wenn man sich die Anfänge der Guckkästen anschaut, die ja aus der Renaissance stammen, ist da auch ein unglaubliches Weltbild transportiert über so einen Guckkasten. Wenn man das mitdenkt, dann hat man natürlich auch noch mehr Zugang. Aber es ist auch natürlich im positiven Sinne ein faszinierender Effekt für viele Leute, die überhaupt mit so was noch nichts zu tun gehabt haben, die auf einmal da rein schauen und sagen: "Das ist aber toll.", warum das so toll ist, da wird es dann schon für viele schwierig, das zu sagen. Aber zunächst ist es eben auch eine Reise in die Vergangenheit und es ist eben eine faszinierende Technik, die dahinter steht. Gleichzeitig ist es etwas, was eine Form von Transparenz hat, man kann also sozusagen hinter die Dinge schauen, und das ist eben faszinierend.
Glauben Sie denn, dass zum Beispiel zur Zeit des Kaiserpanoramas oder des Guckkastens – der ist ja eigentlich auch in seinem Aufbau nicht allzu einfach, also einfach zu verstehen – der gemeine
Betrachter ein Interesse aufgebracht hat, der Sache auf den Grund zu gehen? Das heißt zu verstehen: "Warum sehe ich dreidimensional, warum wirkt dieses Vedut so vereinnahmend?"
Ich glaube, es war sehr unterschiedlich, je nachdem. Es gab zunächst auch einmal den Effekt, dass die Leute begeistert waren. Der Hintergrund ist oft gar nicht so diskutiert worden. Es gab zunächst einmal das Erlebnis und das ging ja auch so weit, dass es auch in gewisser Weise den Standort des Betrachters in Frage gestellt hat. Diese Auflösung, die auch zu Schwindel geführt hat, wenn man wirklich in solchen Theatern steht, dann kann das ja dazu führen. Wir sind natürlich heute auch unglaublich daran gewöhnt, mit solchen Dingen umzugehen. Also, wir haben ja schon die wildesten Sachen erlebt, und wenn man das jetzt zurückverfolgt, wie das losging; die Leute hatten natürlich auch mit diesen Dingen keine Erfahrung und entsprechend bombastischer waren die Ergebnisse. Das war ja auch beim ersten Film so, bei der ersten Illusion; da hat es ja eine Szene gegeben, die relativ berühmt ist. Es fährt eine Lokomotive auf die Betrachter zu, die Zuschauer springen auf, es gibt Verletzte, es
gibt Panik weil man glaubt, man würde überrollt. Das ist ja heute undenkbar. Auch der Begriff der Geschwindigkeit, früher hat man gedacht, wenn man mit der Eisenbahn fuhr, das ab 30 Stundenkilometer das menschliche Gehirn aufweicht, dass man verrückt wird, dass man es nicht aushält. Das ist eine schwierige Frage, die auch nicht leicht zu beantworten ist, weil diese Erfahrung ja selten von den Leuten niedergeschrieben worden ist. Das ist immer so der Moment, man geht alleine hin, man ist begeistert oder man geht mit Freunden hin, dann ist möglicherweise hinterher an den Caféhaustischen oder Wirtshaustischen hinterher über so was diskutiert worden, aber selten irgendwie auf eine Art und Weise, dass wir es heute noch wirklich irgendwo schriftlich festgehalten finden.
Es war bestimmt auch abhängig von den individuellen visuellen Erfahrungen, und auch von der Bereitschaft, sich mit der Sache zu beschäftigen, die ja wahrscheinlich doch eher gebildeteren
Menschen eigen waren. Ist bei Medien, wie dem Guckkasten, der ja als Aufklärungsmedium benutzt worden ist, tatsächlich gewünscht, die Realität als solche abzubilden. Ich habe immer wieder das Gefühl, dass sich da eine ganz eigene Bildästhetik entwickelt hat, gerade dann später bei dem Perspektivguckkasten. Trotzdem wird ja gesagt, sollte dieses in der Aufklärung wichtige treue, objektiv richtige Sehen vermittelt oder simuliert werden. Inwieweit war das wirklich gewährleistet?
Ja, man hatte damals nicht die Möglichkeit zum Vergleich. Also, es weicht einerseits schon sehr ab – wie sie sagen – und gleichzeitig ist ja das Ergebnis, das was die Leute da sehen, nicht identisch mit
dem was in dem Guckkasten zu sehen ist, sondern es ist ja auch eine gewisse Form von visueller Erfahrung, die sich da in Sekunden abspielt. Das ist sehr schwer. Die Guckkästen wurden ja häufig auch eingesetzt von so genannten Savoyarden, die auf den Jahrmärkten etwa in den 1780er Jahren unterwegs waren. Die hatten halt diese Bilder auf dem Rücken, und die haben die Bilder gezeigt. Die Leute waren unglaublich interessiert, weil es wenig Bilder gab, natürlich schon in Kirchen und Klöstern, aber der Alltag war eigentlich eher grau – im wahrsten Sinne des Wortes. Und es gab ja eben das Bild des Guckkastens und parallel dazu – und das wird eigentlich auch heute sehr selten thematisiert – die Erzählung des Savoyarden. Also, es ist immer auch eine ganz starke Interpretation der Person, die das vermittelt. Das waren häufig auch Analphabeten, deswegen ist so wenig von den Texten überliefert. Ein drittes wichtiges Element neben dem Bild und der Erzählung spielt die Musik. Das Tamburin zum Beispiel war enorm wichtig. Also, ich glaube schon, dass zum Beispiel Wagner 100 Jahre früher auch Spaß an diesen Dingen gehabt hätte, weil es eigentlich im Guckkasten und in der Inszenierung schon so einen Begriff von Gesamtkunstwerk gibt.
Dazu kommt ja ein Effekt, der dieser Sache ganz eigen ist. Wenn man sich jetzt mal die ganze Medienlandschaft – egal ob heute oder dann im Verlauf anguckt –, und zwar der, dass man ganz alleine gelassen wird mit dem Medium, das heißt man guckt alleine hinein. Es gibt dann Ausnahmen mit mehreren Öffnungen, aber davon mal abgesehen wird man ja auch dann, wenn man einer von mehreren ist, alleine gelassen mit dieser Vision. Ist das eine Sache, die entscheidend ist für dieses Medium, auch für die Rezeption, ist das gewünscht oder nur ein Nebeneffekt?
Ich glaube, es ist auch gewünscht. Also, es geht ja auch eigentlich darum einen Erfolg zu haben. Diese Auseinandersetzung ist gewünscht, und gleichzeitig ist sie aber auch deshalb so erfolgreich, weil sie
in einer besonderen Weise nicht autoritär ist. Ich meine damit, dass eigentlich jeder, der in den Guckkasten schaut, begeistert ist, und trotzdem bleibt jeder mit seiner Erfahrung allein. Das ist eine ganz kuriose Geschichte, auch wenn man sich dann austauscht über Dinge dann gibt es Sachen, die man faszinierend findet, aber eigentlich ist es mehr so ein dialogischer Prozess zwischen Betrachter und Bild und Art der Vermittlung. Oder die Sache ist so erfolgreich, weil sie sich – in Anführungsstrichen – sehr auf den Betrachter einstellt, weil der Betrachter seine Wünsche und Ängste eigentlich mit in diesen Raum hineinträgt. Das ist merkwürdig, es gibt immer noch die Bilder im Guckkasten und gleichzeitig die Bilder, die vom Betrachter in den Guckkasten hineingesehen werden. Dieser Raum zwischen Betrachter und Guckkasten, dieser kleine Raum, das ist vielleicht der Raum, in dem eigentlich erst das Bild entsteht – aus mitgebrachten Ängsten, aus schockierenden visuellen Erfahrungen, die man macht. Das Bild entsteht eigentlich neu, obwohl es festgelegt und perspektivisch entwickelt ist – es ist eigentlich ein neues Bild, und das macht die Sache faszinierend und rätselhaft.
Beim Kaiserpanorama habe ich allerdings einmal gelesen, dass der Raum absichtlich nicht abgedunkelt ist – ich könnte mir vorstellen, dass der Grund dafür ist, dass man die Leute dieser Sache nicht zu sehr überlassen wollte, einfach weil es sonst zu überwältigend wird.
Ganz genau. Die waren unglaublich ungewohnt im Umgang mit solchen. Ja, das hat möglicherweise auch politische Implikationen, dass die Masse auch lenkbar bleiben sollte. Also, man wollte Paniken
vorbeugen, und es sollte so auch eine Illusion sein, die aber auch kalkulierbar bleibt.
Wenn wir von den Medien sprechen, die ja hier auch ausgestellt sind, die der Herr Steckelings sammelt, wie zum Beispiel den Guckkasten, wird ja immer von der Vorgeschichte des Films gesprochen. Ich frage mich, während ich an meiner Arbeit sitze, immer wieder, warum es eigentlich der Film sein muss, dessen Vorläufer diese Medien sind, denn der Einfluss geht ja noch viel weiter – heute zumindest. Im Grunde ist der Guckkasten ja auch ein Vorläufer des Pressebildes, wenn man von einem Pressebild ausgeht, das eine gewisse Realität abbilden soll – ob nun bewegt oder nicht. Wie sehen Sie das?
Absolut. Der Ansatz ist richtig. Also, es hat durch den Film auch eine Verengung gegeben, das ist völlig richtig, weil auf einmal der Film als der Held der Geschichte aufgetaucht ist, und alles sieht sich jetzt in dieser Tradition als Vorläufer. Es hat unglaublich viele Entwicklungen gegeben, die ein bisschen auch durch dieses laute Getöse des Films auch so ein bisschen an die Seite gedrängt wird. Also, es hat mit dem Film zu tun, natürlich, aber es sind auch andere Entwicklungen. Sicherlich im
Bereich der Malerei…
Bühnenbild…
Bühnenbild, ganz stark, da gibt es ja auch im Barock schon ein wechselseitiges Verhältnis – Illusionsraum und so weiter. Es gibt viele Bereiche, behaupte ich jetzt, wo der Guckkasten dem Film eigentlich auch überlegen ist, obwohl er älter ist. Durchaus.
Können Sie da welche nennen?
Ja, die Rolle des Betrachters. Dieses narrative Element, was mir beim Film manchmal auch auf die Nerven geht, dass ich eigentlich als Betrachter in die Situation gebracht werde mir etwas 90 oder 60 Minuten anzuschauen. Es gibt einen Anfang und es gibt ein Ende, das ist ja beim Guckkasten nicht so. Der Guckkasten arbeitet freier mit der Imagination des Betrachters und lässt mir selbst auch mehr Freiheit. Er nimmt mich nicht so an die Hand, wie der Film.
Mir fällt nie der Name ein – es gibt ja diesen ganz berühmten Savoyarden von Glassbrenner?
Ja, kann sein.
Da kommt dann hinzu, dass das Gesehene in der Menge der Wartenden oder in der Menge der Leute, die den Guckkasten umgeben, diskutiert wird, auch ohne das gesehen zu haben. Jeder hat etwas dazu zu sagen. Das beeinflusst dann auch wieder den einzelnen Betrachter, der gerade davor steht und das Gedicht hört, das der Savoyarde vorliest. Auch eine Sache, die ganz entscheidend ist, diese Diskussion, die ja im Kino nicht möglich ist, nicht gewünscht ist – eigentlich ein Vorteil. Allerdings nur für denjenigen, der sich dem auch hingibt. Also, ganz bestimmt ist es der Film der eben das nicht will, während seiner Dramaturgie gestört zu werden.
Absolut, genau da ist er unglaublich autoritär in dieser Struktur, und das ist bei den Guckkästen völlig anders. Ich glaube, dass es jeden betrifft, der so etwas sieht, nur das die Leute unterschiedlich dazu in der Lage sind, diese Dinge auch zu formulieren. Aber die Auseinandersetzung, die findet schon statt. Vor allen Dingen natürlich – das kann man gar nicht oft genug betonen – in einer Zeit, zu der es kaum Bilder gab. Was noch interessant ist, ist das Haltbarkeitsdatum; wenn Sie heute ein Bild in
der Presse haben, dann ist es ja morgen eigentlich nur noch ein Dokument. Das war bei den Guckkastenblättern anders, die sind oft ein halbes Jahrhundert gezeigt worden, und waren eigentlich immer wieder aktuell für denjenigen, der das Bild noch nicht kannte. Insofern ist das auch immer eine Frage, ob man überhaupt von der Aktualität von Bildern sprechen kann. Man muss auch immer fragen: "Was hat der Betrachter für einen Vorsprung oder was hat er für ein Defizit?"
Die Aktualität ist sehr relativ, das stimmt. Vor allem merkt man das, wenn man sich mit solchen Themen beschäftigt, wie alten Medien. Genau da sind wir ja jetzt gerade – wie alte Medien, alte Bilder mit der Zeit an Aktualität gewinnen, das ist ja ganz verrückt. Im Gegensatz zu den gerade angesprochenen Bildern mit geringer Haltbarkeit. Da zeigt sich eben wieder eine ganz neue Qualität dieser Abbildungen.
Absolut. Man kommt immer weiter rein, je mehr man sich damit beschäftigt, desto komplizierter und komplexer werden die Fragen. Das Schöne bei der Guckkastenwirklichkeit ist, dass das Niveau der
Blätter so hoch ist, dass sie das auch halten. Also, die halten diese Diskussion aus, die Dinge, die wir da sehen. Es ist nur die Frage, ob wir in der Lage sind, die richtigen Fragen zu stellen. Aber Sie sind da absolut auf dem richtigen Weg, meine ich.
Noch mal kurz, weil Sie das gerade angesprochen haben, die Qualität der Veduten, nahm die nicht im Laufe der Zeit ab? War es nicht so, dass auch die Inhalte im Laufe der Zeit banaler wurden? Der
Herr Steckelings hat da eine ganz eigene Meinung zu; ich hatte ihm die Frage auch gestellt, ob es denn – die verschiedenen Bücher erzählen dazu unterschiedliche Sachen – tatsächlich so war, dass der Guckkasten in erster Linie Informationsmedium war oder ganz schnell – wie zum Beispiel ein Buch sagt – ins Banale abgerutscht ist, zur Unterhaltung, zur Sensationslust…
Ja, es gibt auf jeden Fall diese Tendenz zur Verflachung. Die ist im wahrsten Sinne des Wortes auch über die Drucktechniken zu erkennen. Also, der Stahlstich des späten 19. Jahrhunderts hat ja eine ganz andere Qualität als der Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert. Also, da gibt es sicherlich eine Tendenz zur Verflachung, die parallel läuft zur Höhe der Auflage. Das heißt, sie konnten von einem Kupferstich vielleicht 30 bis 40 Abzüge machen, danach wurde das immer verwaschener. Der Stahlstich war schon dazu in der Lage, höhere Auflagen zu bedienen, gleichzeitig wurde alles auch schneller…
Bei der Kolorierung sieht man das auch.
Ja, das lässt dann auch wirklich nach, und gleichzeitig geht die Handschrift verloren. Oft waren es ja die Savoyarden selbst, die auch solche Zeichnungen und Handschriften gefertigt haben, und da gab
es auch immer schon weniger gute und gute. Zum Teil waren dahinter auch recht prominente Künstler, die das gemacht haben, um einfach ein bisschen Geld zu verdienen. Das ist dann leider in Vergessenheit geraten, weil die diese Dinge dann oftmals nicht signiert haben, weil sie sich dafür schämten.
Welche Arbeiten fallen Ihnen ein – und da habe ich persönlich eigentlich immer nur dieses eine Beispiel, das hier auch gezeigt wird – die sich in ihrer Ästhetik älterer optischer Medien bedienen. Wissen Sie, was ich meine? Der Prinz Achmed, der finde ich, ist ein gutes Beispiel. Da ist Lotte Reiniger hingegangen und hat versucht, eine alte Ästhetik aufzugreifen. Fallen Ihnen da noch weitere Arbeiten ein – künstlerischer Art – die mit solchen Ästhetikern spielen?
Es gibt Zeichnungen von dem Düsseldorfer Zeichner und Bildhauer Thomas Schütte. Schütte ist jemand, der sich sehr mit der Wirklichkeit auseinandersetzt und vor einiger Zeit eine große Ausstellung in London hatte. Da hat er dann bei einem Antiquitätenhändler eine Camera Obscura gekauft bzw. eine Camera Lucida, also eine Zeichenhilfe aus dem frühen 19. Jahrhundert, und er ist jetzt dabei mit diesen alten Techniken zu experimentieren und versucht im Moment damit Porträtzeichnungen zu machen. Also, er ist dann auch aufmerksam geworden über dieses Buch von David Hockney "Das geheime Wissen" – diesen Dialog zwischen alten Techniken und moderner Sichtweise, den gibt es immer noch. Also, nicht nur im Bereich der Fotografie – im Moment machen das ja sehr viele –, die halt mit einer Camera Obscura fotografieren und sich an diesen alten Techniken berauschen. Wir haben ja hier eine Französin ausgestellt, die auch mit einer Camera Obscura Fotos gemacht hat, aber auch im Bereich der Malerei und Zeichnungen spielt das heute absolut noch eine Rolle.
Als abschließende Frage – wir haben es ein paar Mal angerissen, aber vielleicht können wir da noch mal ganz konkret drauf eingehen: Was können wir als Mediennutzer von heute – oder sogar als Medienschaffende von den Medien aus der Vorgeschichte des Films lernen?
Einen Mut zur Lücke zu entwickeln, nicht alles auf einmal zu versuchen. Ich glaube, das ist die größte Gefahr. Die Medien lassen einem kaum die Möglichkeit, eigene Prioritäten zu setzen und das wäre eine schöne Sache, die man wieder neue kultivieren sollte. Man sollte keine Angst haben, zu wenig zu machen sondern man sollte versuchen, einzelne Aspekte unglaublich zu kultivieren. Auch auf die Gefahr hin, dass man andere Sachen vergisst, auslässt. Man sollte also eine gewisse optische Ungerechtigkeit lernen. Das wäre schon wichtig, dass man diesen Bannkreis der Banalität durchbricht, indem man sich jetzt einfach nur um echte Details kümmert, auch um Nebensächlichkeiten. Also, dass man einen anderen Blick auf die Realität bekommt. Dieses "alles auf einmal", das führt eben auch nur zur absoluten Verflachung.
Können Sie da jemanden nennen, der Ihnen einfällt, der Ihrer Ansicht nach Arbeiten herstellt, die dem gerecht werden?
Also, mir fällt jetzt spontan der Maler Luc Tuymans ein, ich weiß nicht, ob Sie den kennen? Der macht Portraits und arbeitet eben auch sehr realistisch, sehr mit Wirklichkeit und der hat das irgendwann einmal so formuliert, dass eigentlich das Bild zwischen Betrachter und Abbild entsteht, also in diesem kleinen Raum. Im Grunde auch ein Phänomen, wie man das beim Guckkasten hatte. Also, dass es diesen kleinen intimen Raum geben muss zwischen Betrachter und Bild und das ist eigentlich der Bereich wo es am ehesten so, wie wir das jetzt hier haben, so blitzt und donnert (ein Gewitter zieht auf), wo also wirklich was passiert, in diesem Abstand. Also, das Bild ist nicht Resultat sondern eher Anlass und es ist eben ganz entscheidend, was derjenige mitbringt, der das anschaut. Schauen immer als absolut aktiver Prozess. Das ist so entscheidend.
Der Nouveau Realisme ist da vielleicht noch zu nennen?
Ja, aber es gibt verschiedene Künstler. So ein wichtiger Künstler, der sich mit diesen Dingen sehr, sehr intensiv auseinandergesetzt hat, war auf jeden Fall ein Vater der Moderne, das war Marcel Duchamps. Also, der hat ja auch sehr viel gearbeitet, auch mit der Camera Obscura. Bei dem ging es immer auch um die Endlichkeit des Bildes. Das ist eben faszinierend. Es gibt eben eine sehr schöne Arbeit von Marcel Duchamps von 1914, da hängt nur eine Schneeschaufel an der Wand – und das war natürlich
damals ein Skandal, dass man so etwas einfach dahin hängt. Es war auch noch versehen mit einem Titel, was so viel lautet wie "In Erwartung eines gebrochenen Armes" – Schneeschaufel und dann der Titel "In Erwartung eines gebrochenen Armes" und der Betrachter fing an, sich selbst eine Geschichte zu basteln. Und das ist schon auch sehr schön, wie man mit visuellen Mitteln gleichzeitig diese Mittel auch überwindet. Das ist eben auch ein altes Phänomen, wenn sie jetzt eine Naturkatastrophe sehen
oder einen Krieg, so als Guckkastenbetrachter, der den Platz irgendwie nie verlassen hat, da können sie so das Grauen so am eigenen Leibe erfahren und haben viel stärkere emotionale Auseinandersetzungen mit der Realität als wenn das jetzt schon alles vorgefertigt wäre. Die Macht der Bilder ist ungebrochen, es gibt immer diese schönen Ansätze, das auch so ein bisschen zu überwinden. Das Bild ist Teil eines Prozesses und nicht nur das technisch hoch gefeierte Resultat.
Herr Kaufhold, schönen Dank
Es war mir eine Freude.
Die Fragen stellte Jens Oliver Robbers
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