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Interview mit Reinald Schnell

"Kunst und Leben - Eine unzertrennbare Einheit"

 

Guten Tag, Herr Schnell! Es freut mich sehr, Sie hier im Rahmen Ihrer Ausstellung zu treffen. Sind Sie noch aufgeregt, obwohl Sie schon so viele Ausstellungen in Ihrem Leben gemeistert haben?
Dr. Tobias Kaufhold, Museumsleiter der Camera Obscura mit dem Museum zur Vorgeschichte des Films (links), und Reinald Schnell, Maler, Schriftssteller, Filmemacher, Schauspieler, Fotograf (rechts) im Gespräch über Schnells KunstAlso die Anzahl der Ausstellungen, da kann ich nichts zu sagen, weil ich eigentlich nach einem Jahr immer vergessen habe, was ich im vergangenen Jahr alles gemacht habe. Ich hatte vielleicht immer in den jüngeren Jahren eine Form der Überaktivität. Aber ich hab das nie protokolliert. Und selten auch zum Beispiel Einladungen, die verschickt wurden – die meisten sind einfach im Papierkorb, weil wir das hinter uns gebracht haben und was soll ich das verwahren. Entweder ist in den Köpfen der Betrachter etwas zurückgeblieben – DAS wäre interessant, aber ob ich da so eine Einladung behalte, das hat für mich keine Bedeutung.

Sind Sie denn stolz auf Ihr Lebenswerk, wenn Sie eine Auswahl davon hier hängen sehen?
Sie haben ja zwei Attentäter kennengelernt: Meinen Freund Martin, der diese Bilder so schön hängt und Herrn Tobias Kaufhold – die haben ja den Vorschlag gemacht: „Zum 80sten können wir was machen“. Damit haben sie mich in eine große Zwangslage gebracht. Ich musste mein Archiv durchwühlen und ich musste mein Leben noch mal reflektieren. Und das war für mich ein Abenteuer! Und dann habe ich Dinge entdeckt, die ich wirklich vergessen hatte und die plötzlich auch wieder wichtig für mich waren. Somit habe ich eigentlich thematisch etwas geordnet, das außerhalb meines Gedächtnisses war. Und somit ist das ja auch spannend. Vieles hatte ich vergessen: zum BeisWechselausstellung: Reinald Schnell zum 80sten - Filme, Bilder, Zeichnungen & Fotos piel dieses Plakat zum Kassenberg. Und dieser Workshop dahinten – solche Veranstaltungen waren gar nicht mehr so in meinem Kopf – was hat das eigentlich damals für mich bedeutet? Zu dieser einen Ausstellung „Kassenberg“ habe ich auch noch eine Einführungsrede gefunden – über Urbanität, wie eine Gemeinschaft wächst, und Nachbarschaft sich stabilisiert, wenn der Kommunikationsraum stimmt und so – und all so ein Gerede, was man so von sich gibt. Und dann kam die Erinnerung wieder: Mich interessierte, was für New Yorker interessant an Ruhrgebietlern sein könnte? Zu der Frage sind dann 3 kürzere Filme entstanden. Unter anderem Mülheim/Ruhr, den ich mit Peter Nestler gemacht habe. Und dazu habe ich auch Reaktionen aus New York bekommen: „Ach, das ist interessant. Das Ruhrgebiet ist uns zwar nicht bekannt, aber wir stellen fest, es gibt Verwandtschaften, also Erfahrungsmomente, in denen man feststellt, dass die Ruhrgebietsprobleme nicht nur Ruhrgebietsprobleme sind, sondern auch in New York bekannt sind.“ Ich habe immer versucht, da wo ich meine Ideen heraus entwickelt habe, Leben und Kunst als eine unzertrennbare Einheit zu verstehen. Wobei für mich die Frage „Ist es Kunst?“ nie bestand. Darum mag ich auch diesen Begriff Kunst nicht. Weil ich immer, wenn mich etwas anspricht und ich setzte es um, die Frage stelle: Ist das auch authentisch? Hab ich das wirklich so erlebt? Das sind Augenblicksprotokolle. Ob sie von Wert sind oder nicht, entwickelt sich im Dialog, in der Öffentlichkeit. Also für mich ist das eine andere Definition als „Ach, ich will jetzt mal meine surrealistischen Bilder …und all dieses Kunstgequatsche, wenn es um Ausstellungen geht …das ist mir fremd. Und darum beteilige ich mich kaum an sowas.“

Der Film „Mülheim/Ruhr“, den Sie gerade angesprochen haben, hat ja damals ziemliche Wellen geschlagen. Warum eigentlich?
Ich hab ihn mit Peter Nestler gemacht – wir waren gleichwertige Autoren. Es war einfach so: Als wir ihn gemacht haben – er kam aus München und ich wohnte hier. Also ich hab den Peter Nestler durch meinen Vater kennengelernt. Und dann wollten wir die Stadt gemeinsam erforschen: er als Fremder, also ich habe ihm Orte gezeigt und er machte mich auf Dinge aufmerksam, die ich übersehen hatte. Weil Dinge, die man kennt, übersieht man häufiger oder sie werden als selbstverständlich angenommen. In diesem Dialog standen wir und haben eine Impression aufgenommen, die unseren erfahrenen Erlebnissen entsprach. In dem Film wird kein Wort gesprochen, sondern eine sehr schöne Musik von Dieter Süverkrüp  gespielt. Dieser Film wurde erst in Oberhausen abgelehnt und heute gilt er als einer der wichtigstFilmplakate Reinald Schnellen Filme der Nachkriegszeit im Dokumentarbereich. Das heißt, in Frankreich fand er sofort große Anerkennung. Es gab mal eine Ausstellung „Die Straße“ – und da wurde dann dieser Film unter anderem gezeigt. Und da hat sich einer empört, wir hätten das Ruhrgebiet verunglimpft. „Der Film wurde im Herbst gedreht“ und so etwas wurde angebracht. Also nach meinem Gefühl: Ich fühle mich doch in einer Arbeitersiedlung wohler als in einer Villa. Ich will immer das Leben spüren, den Atem. Und deswegen hat auch der Film das Leben so gezeigt, wie tausende andere Bürger auch. Denn wir sahen da auch keinen Unterschied drin. Aber man erwartete wohl, dass der Film diesem angeblichen Image des Ruhrgebiets „nebelig, dreckig usw“ entsprach, also gegen die Interessen der Einwohner war. Was gar nicht stimmte. Im Grunde war das eine Erklärung: Hier leben wir, diese Umstände umgeben uns, aber wir fühlen uns hier wohl, weil die Menschen nett sind. Diesen Aspekt haben wir herausgefiltert. Aber seltsamerweise in Kritiken von Franzosen oder aus Süddeutschland wurde genau das geschrieben: Die haben genau diesen Aspekt verstanden. Und dann hat sogar die Stadt dem Verleiher empfohlen, den Film umzubenennen. „Hinterhöfe einer Stadt“ oder so ähnlich, da muss nicht genau stimmen. Wir waren natürlich dagegen. Und als der Film im TV gezeigt wurde, waren wieder Mülheimer Bürger empört, dass Mülheim so negativ dargestellt wurde. Und wenn ich den Film heute zeige, gibt es genau andere Reaktionen: „Ach, so war das früher, ach guck mal da.“ Und man erinnert sich einfach an seine Herkunft. Dass einfach diese Reflektion der Vergangenheit, die wir zeigen, durchaus Aspekte des eigenen Lebens beinhaltet. Man sieht das mit gütigeren Augen als zu der damaligen Zeit, wo man dem Film einfach einen Zweck unterstellen wollte: Werbung zu machen. Werbung war ja nicht unser Interesse, sondern einfach das Leben zu zeigen. Und das haben wir noch nicht mal negativ gezeigt, sondern die Umstände, in denen sich Leben entwickelt, und das bestimmt wurde durch das Individuum. Das zeigt auch, dass öffentliche und sozial gesellschaftliche Interessen, wenn sie als Maßstab genommen werden, die Interessenskonflikte zum Ausdruck bringen: Der Unternehmer will, dass seine Klamotten verschachert werden und wenn dann das Ruhrgebiet negativ gesehen wird, dann könnten weniger Touristen kommen – das ist eine andere Sichtweise, als wenn man das Leben kennenlernen will. Ist ein anderer Blick auf etwas. Und diese Blickwinkel haben diese Konfrontationen hervorgerufen. Heute sehe ich das lässig und sehe das vor allem als Erfahrungswert. Dass man einfach sagt, man muss sich dem Dialog stellen. Und ich will meine Kunst einfach im Dialog verstehen.

Was meinen Sie denn, woran es lag, dass es damals und heute so unterschiedliche Sichtweisen gab?
Weil früher die Illusion bestand, von einer heilen Welt. Nach dem Krieg vor allem. Die ersten Filme, die ich als junger Mensch gerne gesehen habe, waren mit Peter Alexander, oder „Die Dritte von rechts“ und Revuefilme – all das Schöne, damals hab ich das immer so gesehen als Märchen, ich hab das nicht ernst genommen, aber es machte mich für den Moment fröhlich. Aber die Menschen, die das auf ihr Leben bezogen haben und gesagt haben „Das will ich auch, dass das so ist“ – das war eine Illusion. Die hatte ich aber nie, aufgrund der Erfahrung, die ich in der Künstlerfamilie, in der ich großReinald Schnell Impressionen zu Die Straßegeworden bin, gemacht habe, dass alles immer relativiert wurde. Und viele verstanden ja gar nicht, wo meine Sympathie lag. Ich  mag Hochglanz nicht, finde ich auch hässlich. Zum Beispiel so Mode oder Leute, die an ihren Körpern so rumschnippeln lassen, um dann dem Schönheitsideal entsprechen, da wird die ganze Perversion des falschen Blickes deutlich.

 

Sie leben aber gerne im Ruhrgebiet?
Ja, hier habe ich Freunde. Einfach die Menschen – mit denen komme ich zurecht, weil ich auch ihre Mentalität angenommen habe. Also ich fühle mich hier wohl. Aber mein Vater, als er nach Berlin kam, da hat er sich auf einmal in Berlin wohlgefühlt. Also in Kreuzberg hat er dann in einem Arbeiterviertel eine Galerie gegründet, er hat dieses Milieu, welches er in Mülheim hatte, in Berlin wiedergefunden. Aber er hat die Enge, die Mülheim für ihn hatte, weggeworfen. Berlin hat ihm mehr Luft gegeben. Ich habe die auch im Ruhrgebiet gefunden, zwar in anderer Form als Vater – er war Künstler, Theatermensch, die Produktionsbedingungen waren andere, und ich hab dann ein Handwerk erlernt, Polsterer. Das war anders. Aber wir haben uns immer ergänzt und unsere Erfahrungen ausgetauscht. Und Mutter hat hier Menschen im Ruhrgebiet porträtiert. Das heißt also, dieses Leben hatte ich total angenommen, in einem anderen Teil des Landes hätte ich wieder ganz von vorne anfangen müssen – das war ja nicht nötig.

 

Wieso sind Ihre Werke eigentlich so vielfältig? Es ist ja von Filmen über Fotos bis hin zu Gemälden und Literatur alles vertreten…
Ja, zum Beispiel ein Gespräch, wie wir das jetzt führen – so ganz ernsthaft. Und das würde ich aufschreiben – dann entsteht zuhause eine Geschichte. Würden wir eine andere Aktion machen und ich würd Sie jetzt filmen, dann hätte ich einen Kurzfilm. Also ich will nur sagen – die Situation: manches schreibt man auf, manches visualisiert man. Und meine Zeichnungen – das sind im Grunde Tagebuchnotizen: Sie sehen ja – ich schreibe etwas auf und gleichzeitig kommen meine visuellen Vorstellungen dazu - also zeichne ich es auch auf.

Haben Sie trotzdem ein grobes Oberthema?
Kunst und Leben als unzertrennbare Einheit zu sehen, ist ja ein Thema für sich. Reinald Schnell, ein Mülheimer Allroundtalent, wird zu Ehren seines 80. Geburtstages eine Ausstellung mit seinen vielfältigen Werken gewidmet. Was das Leben einem zuspielt oder mit was man konfrontiert wird – das Leben ist ja nie geradlinig – ich reagiere darauf, auf meine Weise. Manches, was ich aufschreibe oder zeichne, wird die Öffentlichkeit nie sehen, vernichte ich auch – manches habe ich auch falsch verstanden. Man lebt ja auch manchmal in Irrtümern – und die Irrtümer zu reflektieren, und dann zu einem Ergebnis zu kommen – das ist ein Prozess. Aber diesen Prozess möchte ich auch öffentlich machen. Ich möchte, dass Kunst sich im Dialog beweist. Nicht indem dann irgendwelche Kritiker mit theoretischen Überworten versuchen, Kriterien zu finden und sie für allgemeingültig erklären. Das ist der Tod des Dialogs – mit der Kunst und in der Kunst.

 

Mal eine andere Frage: Haben Sie sich hier im Museum zur Vorgeschichte des Films schon die Ausstellung angeschaut?
Ja, ist sehr interessant, einfach mal zu erfahren, wie sich eine Technik entwickelt hat. Allein die Veränderung in den Kommunikationstechniken, ich habe früher telefoniert oder Briefe geschrieben oder mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine – das hatte einfach ein anderes Tempo. Man hat auch andere Formulierungen im Kopf. Diese schnelle Form der Technik schafft auch neue Sprachformen. Diesen Prozess finde ich hochinteressant. Ich bin aber nicht gegen die jetzige Technik; ich habe zwar kein Handy, ich werde damit technisch auch nicht fertig, ich habe aber notgedrungen so einen Laptop, weil es notwendig ist, um meine Schriften an einige Zeitungen zu schicken. Aber die neue Form der Kommunikation ist ja eine Realität, ich wehre mich nicht dagegen. Ich kämpfe nur dafür, dass die jetzige Generation uns nicht verachtet und erkennt, dass wir auch Informationen und bestimmte Art und Weisen der Vermittlung beitragen, die auf Gefahren hinweisen. Das heißt also die Oberflächlichkeit, die über neue Kommunikationstechniken im Kopf stattfindet – das heißt, man googlet und dann hat man die Information, die man angeblich braucht. Während wir gelernt haben, komplexer zu denken und heute denkt man „Muss ich mich nicht drum zu kümmern, das ist irgendwo gespeichert“ – da geht eine bestimmte Form der Diskussion verloren. Und ich kämpfe so ein bisschen: „Verachtet uns nicht, wir können Erfahrungen vermitteln, die vielleicht helfen können, dass zum Beispiel der Faschismus keinen Boden findet. Keinen ideellen Boden. Nehmt unsere Erfahrungen ernst. Und heute sind bestimmte ideologische Beeinflussungen durch die neuen Techniken ja fast gefährlicher als in den 20er Jahren. Also diese Erfahrungspotenziale sind ja kein Rückschritt, im Gegenteil. Diese Erfahrungen sind ein Stück unserer Geschichte.

 

Vielen Dank für dieses Interview, Herr Schnell!

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22. Oktober 2015 / Ausstellung: „Reinald Schnell zum 80sten“
Ort: Camera Obscura mit dem Museum zur Vorgeschichte des Films

 


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